Bei den olympischen Spielen 1972 in München wurde erstmals die Zeit elektronisch gemessen. Das bis dahin modernste und präziseste Zeitmesssystem aller Zeiten konnte auf die Hundertstel Sekunde genau messen.
Vor der elektronischen Zeitmessung gab es nur die Handstoppuhr. Die gemessene Zeit war abhängig von der Reaktionszeit der Kampfrichter.
1896. Bei den ersten
olympischen Spielen der Moderne wurden zum ersten Mal Handstoppuhren verwendet. Es gab zwei Stück – eine
davon war beschädigt.
Seit dem treten die Athlet*innen nicht nur gegen andere Wettkämpfer*innen
an, sondern auch gegen die Zeit – die Zeit der Anderen und der eigenen Bestzeit.
Aber ticken alle
Stoppuhren gleich? Es gab Fälle, bei denen die Zeitmessung mit der Stoppuhr nicht eindeutig ausfiel und
für Trubel sorgte.
Zitat:
Martin Lauer, Weltrekordhalter im
Hürdensprint
Bild:
Händische und elektronische Zeitmessung / Junghans / 1972
Links:
Das Nürnberger Land /
September 2012
Die mit der Handstoppuhr
gemessene Zeit wurde manchmal angezweifelt, wie im Fall von Armin Hary. Er lief 1960 in Zürich 100 Meter
in 10,0 Sekunden, so schnell, dass die Kampfrichter*innen der gestoppten Zeit nicht glaubten.
Und
dann? Ganz einfach, Armin Hary rannte eine halbe Stunde später noch einmal. Wieder 10,0 Sekunden. Der
Weltrekord wurde anerkannt.
Bis heute ist er der einzige deutsche Sprinter, der im 100m Lauf
olympisches Gold gewinnen konnte.
Audio:
Heide Ecker-Rosendahl
über die Vergleichbarkeit der Zeit
Zitat:
Martin Lauer, Weltrekordhalter Hürdensprint gefragt ob er die
Möglichkeiten der moderne Technik auch als Fluch sieht
BIld:
Pressefoto intervox Bild / Junghans / 1972
Der Beginn der modernen Zeitmessung im Sport wird durch die elektronische Zeit- und Streckenmessung gekennzeichnet.
Die Einführung der elektronischen Zeitmessung wurde - in Anlehnung an das Maskottchen der Spiele “Waldi” - von den Dackeln Reya und Rowd durchgeführt. Veranstalter*innen machten sich auf den Weg, Dackel für die ersten Systemtests zu finden. Es musste schnell gehen und so wurde der ahnungslosen Besitzerin von “Rowdy” auf der Straße plötzlich zugerufen: „Wir brauchen euren Hund... Es pressiert.“ Kurze Zeit später fand sich der Hund im Olympia Stadion und am Tag darauf in der Zeitung wieder.
Zitat:
Ekke Schloz, bei der Einsammlung
der Testdackels
Bild:
Dackelm “Rowdy” beim Zieleinlauf vor der Dackeldame Reya / Privat
via Merkur / 1972
Zwei Firmen, Junghans und
Longines, teilten sich 1972 die Aufgabe, die Zeitmessung bei verschiedenen Disziplinen
durchzuführen.
Für die Zeitmessung auf der Laufbahn war die Firma Junghans verantwortlich. Das
komplette Startsystem von der Startpistole bis zur Zielkamera war von nun an miteinander vernetzt. Es
sollte nicht nur die genaueste Zeiterfassung ermöglichen, sondern auch dafür sorgen, dass alle
Athlet*innen die absolut gleichen Bedingungen für einen fairen Wettkampf vorfinden.
Audio:
Heide Ecker-Rosendahl
über den Moment vor dem Start
01
Die Startschusspistole
02
Der Counter
7202
03
Die Startschiene
04
Der
Startassisstent
05
Der Zeitdrucker
06
Die
Lichtschranke
07
Die Zieleinlaufkamera
Objekte werden via Hover farbig gekennzeichnet
Die elektronische Zeitmessung erfolgte durch das Zusammensetzen einzelner Elemente.
… war ein 6-schüssiger 9 mm Trommelrevolver der Firma Smith & Wesson. Die Pistole wurde mit Platzpatronen geladen und ermöglichte es, drei Signale auszugeben: ein elektrisches, ein optisches und ein akustisches.
direkt am Lauf war ein Kontakt angebracht, der auf den Gasdruck beim Abfeuern der Waffe reagierte.
Mit dem Schuss begannen sämtliche Zeitmesssysteme an zu zählen.
… war die elektronische Digitaluhr, auch ‘Mutterstoppuhr’ genannt. Sobald der Startschuss fiel, lief die Zeit.
Die Fußstücke konnten von den Athlet*innen individuell eingestellt werden, um eine optimale Startposition zu gewährleisten.
Durch die versetzte Aufstellung der Athlet*innen zum Starter wurden akustische Signale in den hinteren Reihen verzögert wahrgenommen, deshalb war in der Startschiene ein Lautsprecher verbaut. Startschuss und Anweisungen waren so für die Sportler*innen gut und vor allem zeitgleich zu hören.
war die elektrische Digitaluhr, auch ‘Mutterstoppuhr’ genannt. Sobald der Startschuss fiel, begann die Zeit an zu laufen. Diese konnte man jederzeit per Knopfdruck anhalten um Zwischenzeiten abzulesen, im Hintergrund lief die Zeit weiter. Der Counter lieferte die Zeit für alle weiteren Anwendungen, wie für die Anzeigetafeln im Stadion und die Zeitanzeige am Fernseher Zuhause.
Audio:
Heide Ecker-Rosendahl
über Fehlstarts vor 1972
Audio:
Heide Ecker-Rosendahl
über die Probleme
bei der Fehlstartmessung
Die Fußstücke reagierten auf den Druck beim Start und leiteten ein Signal an den Startassistenten weiter.
… registrierte die Zeit der einzelnen Sportler*innen zwischen Schuss und dem Moment, in dem sie losliefen. Reagierte ein*e Sportler*in in unter einer Zehntelsekunde, wurde dies als Fehlstart gewertet. Es ertönte automatisch ein Warnton, der das Rennen unterbrach. Zudem konnte genau ermittelt werden, welche*r Sportler*in für den Fehlstart verantwortlich war.
war an der Startlinie plaziert. Sie besaß einen Kontakt, der durch den Fußdruck beim Startvorgang betätigt wurde. Per Kabel ging dieses Signal an den Startassistenten der die Reaktionszeit maß.
war an der Startlinie plaziert. Sie besaß einen Kontakt, der durch den Fußdruck beim Startvorgang betätigt wurde. Per Kabel ging dieses Signal an den Startassistenten der die Reaktionszeit maß.
… druckte Startzeiten, Zwischen- und Endzeiten in Rekordgeschwindigkeit aus. Somit hatten die Wettkampfrichter alle Daten in Echtzeit schwarz auf weiß.
… war an der Ziellinie aufgestellt. Athlet*innen, die die Ziellinie überschritten, unterbrachen das Lichtsignal.
Bei jeder Unterbrechung wurde die Zeit am Counter 7202 gestoppt und gespeichert. Damit ließen sich die Zeiten aller Athlet*innen auf Tausendstelsekunden genau festhalten.
Für den Fall, dass die Sportler*innen auf gleicher Höhe über die Ziellinie liefen und die Lichtschranke dazwischen nicht mehr schließen konnte, kam eine letzte Instanz der Zeitmessung zum Einsatz:
Die Zieleinlaufkamera. ->
Sie war die letzte Instanz des Zeitmesssystems die den Zieleinlauf auf eine Hundertstelsekunde genau ablichtete.
Schon 1932 gab es die ersten
Versuche, den Zieleinlauf fotografisch festzuhalten. Allerdings vertraute man der sehr jungen Technik noch
nicht. Entscheidungen über Sieg oder Niederlage wurden von Wettkampfrichtern getroffen und nicht anhand
von Zielfotos.
Dies änderte sich 1972, als die Zieleinlaufkamera offiziell als Messinstrument bei
den Olympischen Spielen anerkannt wurde.
Bei Wettbewerben wie dem 100-Meter Lauf macht eine
Hundertstelsekunde etwas mehr als einen Zentimeter Abstand zur nächsten Läufer*in aus. Selbst für eine*n
erfahrene*n Wettkampfrichter*in sind solche Nuancen kaum wahrnehmbar. Die Zieleinlaufkamera konnte diese
feinen aber entscheidenden Unterschiede festhalten.
Audio:
Heide Ecker-Rosendahl
über die Genauigkeit der Zeitmessung
Die Kamera hatte “Scheuklappen”, der nur
breite Spalt war genau auf die Ziellinie ausgerichtet. Blieb ein Läufer nur einen Finger breit vor der Ziellinie stehen, war er nicht auf dem Zielfoto zu sehen.
Kurz vor dem Zieleinlauf musste der Schlitten mit dem Polaroid-Film händisch in Bewegung gesetzt werden. Dieser lief mit einer voreingestellten Geschwindigkeit, die zwischen
über den Aufnahmespalt lag. Der Film bewegte sich mit den Athlet*innen mit. Gleichzeitig “schielte” die Kamera auf eine elektronische Stoppuhr und bildete die Zeitachse mit dem Geschehen an der Ziellinie gleichzeitig ab.
Das schwarz-weiß Zielbild war nach
fertig entwickelt.
Junghans ließ es sich nicht nehmen, noch eine Kamera ähnlicher Bauart aufzustellen, die einen Farbfilm enthielt. Allerdings musste man
auf das Ergebnis warten. Für Wettkampfentscheidungen dauerte das zu lange, doch die Medien nutzten diese Bilder umso lieber.
Das System war mehrfach abgesichert. Auf der gegenüberliegenden Seite der Ziellinie lief z.B. eine
mit. Auf dieses Bild konnte zurückgegriffen werden, wenn bei der ersten Kamera etwas schiefgelaufen war. Es standen bei manchen Veranstaltungen bis zu 5 Kameras zur Verfügung.
Jetzt musste man nur noch eine Linie von der Brust jedes Läufers auf die am unteren Bildrand abgebildete Zeitachse ziehen und es konnte die Zeit auf
genau abgelesen werden.
Wie kam es dazu, dass Junghans zum offiziellen olympischen Zeitmesser wurde?
Für das IOC kamen nur drei
Firmen für die Zeitmessung infrage:
- Omega (Schweiz),
- Junghans (Deutschalnd)
- Longines
(Schweiz).
Die Entscheidung war bereits gefallen. Wie in den Jahren zuvor würde Omega die Aufgabe
übernehmen. Wegen des angekündigten Werbeverbots des IOC bei den Olympischen Spielen, zog sich Omega am 8.
Oktober 1969 zurück. Daraufhin teilten sich Longines und Junghans den Auftrag, die Zeitmessung
durchzuführen.
Rechts:
Martin Lauer bei den Olympischen Spielen 1972 mit dem
US-Amerikaner Rod Milburn, der Lauers damals 13 Jahre alten Weltrekord über 110 Meter Hürden einstellte.
Martin Lauer war selbst ein
ehemaliger Weltklassesportler.1959 lief er innerhalb einer Dreiviertelstunde drei Weltrekorde über die
Hürdensprint-Strecken. Der erste Rekord überdauerte 16 Jahre, der Letzte gilt noch heute.
Für
Junghans übernahm der diplomierte Ingenieur gleich mehrere Aufgaben. Er musste sich vor Ort um bauliche
Vorkehrungen kümmern, er war verantwortlich, die Marke Junghans bestmöglich zu promoten und die neue
Technik im internationalen Regelwerk unterzubringen. Seine Vergangenheit als Weltklassesportler öffnete
ihm viele Türen. Er war maßgeblich für den Erfolg der Firma Junghans bei den Olympischen Spielen 1972
verantwortlich.
Audio:
Heide Ecker-Rosendahl
über Martin Lauer
Martin Lauer war auch für
die eine oder andere medienwirksame Veranstaltung verantwortlich. Zum Beispiel ließ er den
Startassistenten auch von den damaligen Bayern Stars Beckenbauer, Müller und Meier testen. Bei einigen
der 20.000 Teststarts saß Lauers Schwiegermutter im Pelzmantel dabei und protokollierte die Zeiten. Ein
Fehlstart wurde als ein Start unter einer Zehntelsekunde definiert.
Bild:
FC Bayern Stars beim Testen der
Reaktionszeit
Für Junghans und Longines waren die Spiele ein voller Erfolg. Doch es gab auch einen sonderbaren Fall in dem die Zeit zu genau war.
Beim 400m Lagenfinale der Männer, bei dem Longines das Zeitmesssystem lieferte, kam es zum Eklat. Man glaubt es kaum aber die Zeit war zu genau. Was war passiert?Der Schwede Gunnar Larsson lag nur zwei Tausendstel Sekunden vor dem Amerikaner Alexander McKee und er wurde zum Olympiasieger gekürt.Aber war Larsson wirklich der Sieger des Lagenbewerbs? Die Wertungskommission prüfte nacher nochmals die Beckenlänge der beiden Athleten. Im Schwimmhallenbau wird für ein 50 Meter Becken ein Toleranzbereich von zwei bis drei Zentimeter zugelassen, die Bahn des Zweitplatzierten McKee war um 0,8 Zentimeter länger als die des erstplatzierten Larsson. Zwei Tausendstel entsprachen aber einem Weitenunterschied von 0,8 Millimeter. McKee war somit in Wirklichkeit der schnellere Schwimmer.Der Fall führte kurz darauf zu einer Regeländerung. Bis heute werden bei Schwimmwettbewerben nur mehr 10tel Sekunden gemessen.
Rechts:
Klappzeitschrift, Beschreibung einer Junghans Zeitmessanlage /
Junghans / 1972
Junghans kennt man als olympischen Zeitmesser und internationalen Uhrenbauer.
1861
Junghans ist ein sozialer Arbeitgeber. Zum Betrieb gehören Sauna, Schwimmbad und sogar eine Krankenstation.
1938
Im zweiten Weltkrieg werden Zwangs- und Fremdarbeiter beschäftigt und Firmenleiter Helmut Junghans wird zum Wehrwirtschaftsführer ernannt.
1945
Ein Entnazifizierung Programm wird durchgeführt.
1972
Junghans forscht und kreiert bis zu den Olympischen Spielen neue Maschinen und Technologien wie z.B. die Quarzuhren, die Fortschritte in der Produktion und in den Produkten schafften.
1861
Junghans wird in Schramberg, Deutschland gegründet. Eine Besonderheit: Die effektiven und günstigen Herstellungsmethoden sind stark vom amerikanischen Produktionen inspiriert.
1865
Die ersten Junghans-Uhren kommen auf den Markt.
1870
Junghans expandiert. Es werden mehr Mitarbeiter und Maschinen gebraucht. Mittlerweile zählt der Betrieb ca. 300 Beschäftigte.
1873
Junghans Uhren werden international gehandelt. Sie erfreuen sich vor allem in Amerika großer Beliebtheit.
-
Ohne Sie wäre ein Großteil unserer Recherche unvollendet gewesen. Vielen Dank an Matthias Stotz, Thomas Fiedler, Melanie Baier, Rebecca Esslinger, für die Möglichkeit ein Interview durchzuführen und die Unterstützung der Materialsammlung.
Vielen Dank für die spontane Zustimmung für ein Interview. Durch ihre Erzählungen lebt die Sicht der Sportler:innen von 1972 wieder auf.
001
Elektronische und Händische Zeitmessung
Junghans
1972
002
Armin Hary de droomatleet
nationaalarchief.nl
003
Pressefoto intervox
Junghans
1972
004
Dackel “Rowdy” beim Zieleinlauf vor der Dackeldame Reya
Privat via Merkur
1972
005
Auswertung Zieleinlauf Foto
Junghans
1972
006
Sportmesssystem
Junghans
1972
007
Startassistent an der Laufbahn
Junghans
1972
008
Auswertung Zieleinlauf Foto (2)
Junghans
1972
009
Zieleinlaufkamera
Junghans
1972
010
Zieleinlauffoto 4x100m Männer001
Junghans
1972
011
Zieleinlaufkamera (2)
Junghans
1972
012
Auswertung Zieleinlauf Foto (3)
Junghans
1972
013
Zieleinlauf Foto Entwicklung
Junghans
1972
014
Lichtschranke an der Laufbahn
Junghans
1972
015
Martin Lauer und Rod Milburn
n-land.de
1972
016
FC Bayern Stars
017
Historische Ansicht des 1918 gebauten Junghans Terassenhaus
armbanduhren-online.de
018
Junghans Mitarbeiter
Johannes
2022
019
Portrait Matthias Stotz
Tobias
2022
020
Junghans Fabrik und Mitarbeiter
Johannes
2022
001
Martin Lauer, Ausschnitt Zeitmessung bei den Olympischen Spielen in München
BR Alpha
1972
002
Interview mit Matthias Stotz, Abteil ‘Zieleinlauf’
Johannes & Tobias
2022
003
Martin Lauer mit der Zieleinlauf Kamera, Ausschnitt Zeitmessung bei den Olympischen Spielen in München
BR Alpha
1972
004
Interview mit Matthias Stotz, Abteil ‘Über das Design’
Johannes & Tobias
1972
005
Bumblebees in Slow Motion
Warped Perception
2016
006
Interview mit Matthias Stotz, Abteil ‘Martin Lauer’
Johannes & Tobias
1972
007
Produktionsaufnahmen bei Junghans
Johannes &Tobias
2022
001
Telefonisches Interview mit Heide Ecker-Rosendahl
Tobias
2022